Texte & Graffiti

 "Was Du bekommst hängt davon ab,
 
 was du bereit bist wahrzunehmen".
 
 Nichts ist schwerer hervorzubringen
 
 als Kunst über das Jetzt,  da dieser
 
 chaotische Moment
 immer in Bewegung ist und man sich
 
 nicht von ihm lösen kann: Man geht
 
 mit ihm mit, man formt
 ihn und wird von ihm geformt.
 
 Der Versuch in der Kunst das Jetzt
 
 festzuhalten, ist riskant.
 Auch der Konsumismus hat eine
 
 andere Inkarnation gefunden:
 
 Wir sind nicht mehr nur Konsumenten,
 sondern auch das Konsumierte.
 Der Maßstab zeitgenössischer Kunst ist,
 
 welchen Widerhall sie jetzt findet.
 
 Das Gewebe der eigenen
 Zeit zu durchstoßen, die Art und Weise,
 
 wie Menschen sehen und fühlen,
 
 auch nur für einen Moment
 zu verändern ist schon eine Leistung.
 
 Kunst bombadiert uns mit dem Staub des Lebens.
 Sie zeigt uns die vielen Schichten dieses Staubs,
 unter dem so viele Seelen ersticken.
 Sie macht, daß wir uns schmutzig
 
 und mit schuldig fühlen,
 aber auch verwundert und dankbar sind
 
 - denn ohne Staub
 würden wir den Sonnenstrahl nicht sehen,
 der sich seinen Weg durch die Luft bahnt,
 Sonnenuntergänge wären weniger schön,
 der Himmel erstrahlte in einem anderen Blau.
 Partikel dieses Staubs dringen tief in uns ein.
 Sie liegen in Herz und Verstand und kribbeln,
 
 prickeln, beunruhigen.
 Sie sind eine notwendige Mahnung:
 Es bedarf keiner Fackel, um die Wahrheit zu erhellen,
 es muß nicht brennen, damit wir handeln.
 
 Das innere Leben der Formen und Bilder
 
 ist jedem analysierbaren
 Begriff von Intentionalität fremd.
 
 Teilweise kontrolliert der Künstler
 dieses Leben, aber es treiben eher Ohnmacht
 
 und Schwäche als
 Intention den Künstler an,
 
 der erst weiß, was er tun will, wenn er
 dabei ist, es zu tun.
 "We do not know where you are going to end.
 It´s a journey without a aim."
 
 Wir können nicht ändern, was sein wird,
 
 ohne zu beschreiben, was ist. Mit anderen Worten:
 Wir erbauen die Zukunft,
 
 indem wir uns unsere Gegenwart vergegenwärtigen.
 "PRIYA BASIL" 



"Das Einzige, was sich lohnt aufzurichten, ist die mensch-
liche Seele. Ich meine jetzt "Seele" im umfassenden Sinn.
Ich meine nicht nur das Gefühlsmäßige, sondern auch die
Erkenntniskräfte, die Fähigkeit des Denkens, der Intui-
tion, der Inspiration, das Ichbewußtsein, die Willenskraft.
Das sind ja alles Dinge, die sehr stark geschädigt sind in
unserer Zeit. Die müssen gerettet werden. Dann ist alles
andere sowieso gerettet." JOSEPH BEUYS

Wenn die Kunst von der Lebenspraxis abgehoben ist, können
in sie all jene Bedürfnisse Eingang finden, deren Befriedigung im
alltäglichen Dasein aufgrund des alle Lebensbereiche durchdrin-
genden Konkurrenzprinzips unmöglich ist. Werte wie Mensch-
lichkeit, Freude, Wahrheit, Solidarität werden gleichsam aus
dem wirklichen Leben abgedrängt und bewahrt in der Kunst
(...), indem sie das Bild einer besseren Ordnung im Schein der
Fiktion verwirklicht, entlastet sie die bestehende Gesellschaft
vom Druck der auf Veränderung gerichteten Kräfte.
PETER BÜRGER

Spiele das Spiel.
Gefährde die Arbeit noch mehr.
Sei nicht die Hauptperson.
Such die Gegenüberstellung.
Aber sei absichtslos.
Vermeide die Hintergedanken.
Verschweige nichts.
Sei weich und stark.
Sei schlau, laß dich ein und verachte den Sieg.
Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib
geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen.
Sei erschütterbar.
Zeig deine Augen,
wink die anderen in die Tiefe,
sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild.
Entscheide nur begeistert.
Scheitere ruhig.
Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.
Laß dich ablenken.
Mach sozusagen Urlaub.
Überhör keinen Baum und kein Wasser.
Kehr ein, wo du Lust hast,
und gönn dir die Sonne.
Vergiß die Angehörigen,
bestärke die Unbekannten,
bück dich nach Nebensachen,
weich aus in die Menschenleere,
pfeif auf das Schicksalsdrama,
mißachte das Unglück,
zerlach den Konflikt.
Beweg dich in deinen Eigenfarben,
bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird.
Geh über die Dörfer.
Ich komme dir nach.
Peter Handke - "Über die Dörfer"

Was tut ein Künstler? Er erschafft etwas, er drückt sich aus,
er kopiert nicht, er imitiert nicht, er überträgt nicht (das ist bloßes Handwerk).
 Er agiert, macht, erfindet; er entdeckt nicht, genausowenig wie er kalkuliert,
 deduziert oder argumentiert. Schöpferisch tätig sein heißt im Prinzip,
 ganz auf sich allein gestellt zu sein.

Seit jeher behaupte ich, daß es die Kunst nicht gibt, sondern nur die Künstler, die übrigens keine Kunst machen, sondern etwas tun, daß ihnen Vergnügen bereitet, die gar nicht anders können, selbst wenn es für manche ein schmerzhafter Prozeß ist: glückliche Masochisten.
JEAN LOUP SIEFF

Jede Kunst und jede Kultur, die sich mit der Macht arrangiert, verwandelt sich in Diener einer Ideologie, einerlei ob dies im Namen des sozialistischen Realismus oder des bürgerlichen Pluralismus geschieht. Beide Haltungen beruhen auf Kriecherei vor der herrschenden Klasse. Ideologisierte Kultur und Kunst betreibt man nicht nur, wenn man einer Ideologie oder einem Machtsystem "expressis verbis" hofiert, die ein ausdrückliches Treuebekenntnis vom Künstler und Kulturschaffenden verlangen, wie es bei den gestürzten Regimen Osteuropas der
Fall war. Man betreibt sie auch, wenn der Künstler und der Dichter, aus welchen Gründen auch immer, die Widersprüche des Systems schweigend hinnehmen oder gar rechtfertigen. Die Kulturschaffenden werden auch dann zu Claqueueren, wenn sie nicht mit den Händen klatschen und sich in ihre goldene "splendid isolation" zurückziehen. Es genügt ein gleichgültiges oder zynisches Lächeln.

Kunst ist Subversion, Infragestellung der Realität, muß vom Ziel getragen werden, die Entfremdung, das Elend, den Schmerz und die Destruktion zu enthüllen. Eine Kunst, die im Augenblick des schöpferischen Aktes diese Erscheinungen beiseite schiebt, ist keine Kunst, sondern Ästhetisierung der waltenden Häßlichkeit. Wahre Kunst bedeutet den Versuch, das Menschliche immer wieder in Erinnerung zu bringen, sie ist schon deshalb Widerstand gegen das Unmenschliche und zugleich Offenbarung neuer Daseinsalternativen und utopischer Sehnsüchte. Nur wenn sie sich dieses Telos zu eigen macht, erfüllt sie eine befreiende Funktion,stellt sie sich gegen die von der instrumentellen Vernunft herbeigeführte Brutalisierung des Lebens.

Kunst ist Transzendenz in ästhetischer Gestalt, und sie ist Transzendenz, weil sie die Darstellung und das Sichtbarmachen des Schönen, Wahren und Gerechten im umfassenden Sinn zur Aufgabe hat.

Das heißt aber keineswegs, daß sie erbaulich und positiv sein muß. Das Gegenteil ist der Fall. Sie muß auch den Mut zur Negation haben und sich nicht scheuen, das Schreckliche mit aller Kraft zum Ausdruck zu bringen. Ja, in einer entfremdeten Welt wie der unseren kann echte Kunst nur Verneinung der entfremdeten Wirklichkeit sein; sie ist gezwungen, sich mit dem Häßlichen immer wieder auseinanderzusetzen. Letztendlich geht es um die Entmythologisierung jeder Form von falschem Bewußtsein und institutionalisiertem Schein.

Gewiß, Literatur und Kunst sind nicht militant in herkömmlichem, ideologischem Sinn, aber das heißt nicht, daß sie desengagiert sein müssen. Jede große, wahre Kunst und Literatur geht von einer konkreten Weltanschauung aus, und genauso wenig wie es so etwas wie eine wertfreie Wissenschaft gibt, genauso wenig gibt es eine wertfreie Kultur.

(Heleno Sana)

Fast eine Liebeserklärung

Sie ist umworben. Mit ihr will man sich sehen lassen. Sie öffnet Türen, die ohne sie nicht einmal erkennbar waren. Ihre Gegenwart verleiht Charisma, sie ist so begehrt, dass sie auch immer wieder gestohlen, gefälscht oder vorgetäuscht wird. Das ist allerdings so nutzlos wie der Versuch, die festzunageln. Sie ist unberechenbar und launenhaft – man kann sich lange um die bemühen, ohne erhört zu werden, und dann wieder beschenkt sie einen, der sie nicht einmal eingeladen hat.

Einige Begnadete genießen ihre Gunst seit sie geboren wurden, anderen bleibt sie ein Fremdwort. Sie wird idealisiert und verherrlicht, vor allem; von jenen, die sie noch nicht persönlich kennen. Wo von ihr gesprochen wird, ist sie oft am weitesten entfernt. Manche aber, die von ihr heimgesucht worden sind, berichten, dass sie durchaus ein Teufel sein kann, der das Leben zur Hölle macht und einen nie in Frieden lässt. Sie hat mehr als zwei Gesichter, und einige davon sind sehr beunruhigend. Über eines sind sich jedoch die meisten einig:

Wir brauchen sie, nicht nur für die schönen Seiten des Lebens; sie ist unentbehrlich, egal, wie wir sie nennen. Wir brauchen sie, ganz besonders in Krisenzeiten – in eigentlich unlösbaren Situationen. Ist sie die einzige Hoffnung. Aber wehe, wenn wir uns einfach auf sie verlassen und sie für selbstverständlich nehmen. Dann kann sie uns eiskalt übersehen, so als existierten wir gar nicht für sie. Wer auf sie baut muss schwindelfrei sein und darf Abgründe nicht fürchten. Oft spielt sie herum oder hält sich versteckt, und wenn wir es am wenigsten erwarten platzt sie herein – allerdings nur dort, wo die Tür offen ist. Das Verrückte ist, dass wir nicht einmal genau wissen, welche ihre Türen sind.

Andererseits kann sie richtig aufdringlich werden, lässt einen nicht mehr in Ruhe mit ihren Launen, Ideen, Einfällen und Erkenntnissen. Ja, es gibt Menschen, denen läuft sie geradezu hinterher, sogar bis in den Schlaf. Manchen erscheint sie in den Träumen. Eifersüchtig ist sie nicht. Sie hat so viele Liebhaber, wie es Menschen, Blumen und Sterne gibt. Sie ist frei und erfinderisch, und es gelingt ihr immer wieder sich selbst zu übertreffen.

Auch ich habe ein inniges Verhältnis mit ihr. Genauer gesagt: Manchmal besucht die mich, dann schlagen wir uns die Nacht um die Ohren, ohne eine Sekunde Schlaf. Manchmal wünsche ich mir, dass ich nie etwas mit ihr zu tun bekommen hätte; aber jetzt ist es zu spät. Ich habe mich mit Haut und Haaren auf sie eingelassen und bin völlig davon abhängig, dass sie kommt. Das Verhältnis ist sehr einseitig: Wenn ich sie suche, kann ich sie nicht finden sondern ich kann mich nur selbst auffindbar machen für sie. Diesen Teil unserer Beziehung schätzt mein EGO überhaupt nicht vielleicht lässt sich mancher deshalb auch nicht auf sie ein. Sie kann einen verschlingen. Sie fordert alles: die Hingabe von Geist, Körper und Seele. Sie fordert Vertrauen und Demut.

Das kann kräftig knirschen in der Maschinerie des Alltags, mit der wir das Unberechenbare im Leben kontrollieren und gestalten wollen. Paradoxerweise hilft sie aber auch dabei gelegentlich Meistens aber fordert sie das wir springen, ohne zu wissen, ob und wo wir landen können. Von Buchhaltung hält sie nicht viel, über Forderungen höre ich sie nur leise kichern, und mit den Theorien, die sie fassen sollen, spielt sie wie mit Bauklötzen. Manchmal lässt sie sich sogar auf schmutzige Affären ein, Moral ist ihr fremd. Deshalb kann man sich ihre Gunst auch nicht verdienen. Wohlverhalten, guten Willen und die besten Absichten kann sie herzlos ignorieren. Dafür hat sie einen ausgeprägten, manchmal auch skurrilen Sinn für Humor. Ich möchte ihnen noch mehr über das Geheimnis erzählen, wie ich mich auffindbar machen kann, für sie, nachdem ich ihr nun schon verfallen bin.

Im Grunde ist es so einfach: Wenn sie in der Nähe ist, muss ich bereit für sie sein und darf nicht gerade mit meinen Krisen, fixen Ideen und Gewohnheiten so beschäftigt sein, dass ich sie übersehe. Hindernisse für ein Rendezvous kommen immer von mir, nie, von ihr. Sie braucht mich nicht, aber ich sie. Ob ich leide oder nicht ist ihr völlig egal, dadurch lässt sie sich nicht erweichen. Das ist meine Sache, mit der ich dann so schnell wie möglich fertig werden muss, um wieder für sie frei zu sein. Für den tragischen Ernst unseres Lebens hat sie nicht viel übrig, davon hält sie sich fern. Was sie lockt, ist der offene Geist, das Spielerische.

So also kann ich mich für sie auffindbar machen. Alles, was mir hilft, die Grenzen meiner Vorstellung zu übersteigen, mich neugierig macht und mir das Staunen wieder beibringt, bereitet den roten Teppich für sie aus. Und wenn sie dann endlich kommt, beginnt der schwierigste Teil. Sie sieht mich ganz und will mich ganz. Also kann ich meine Macken, Besessenheiten, Vorurteile und meine engen Grenzen nicht vor ihr verstecken. Den Kopf darf ich verlieren, aber nicht den Verstand. – sonst verstehe ich sie nicht. Denn sie will nicht nur in Gefühlen versinken, sondern fordert ein Gegenüber das standhält. Mir macht das Angst und dies ist das sichere Gefühl, das sie sich in der Nähe herumtreibt. Wenn ich diese Angst überwinde, den Sprung wage, dann schenkt sie mir in unserer kurzen Vereinigung ein solch unerhörtes Glück, eine unbegrenzte Verbundenheit, das Gefühl, eins zu sein mit allem Lebendigen, dass die ganze Angst zu Asche wird. Allmählich kenne ich das nun, aber es ist immer wieder ein neues Wunder, das gefeiert werden will. Das einzige, was ich nicht an ihr mag, ist ihr schwerfälliger Name: Kreativität.

( Autor unbekannt )

LICHTBALL
Einst zu Zeiten, in denen Geister noch kamen, gerade weil man sie rief, da war es selbstverständlich, dass ein jeder wusste, was es mit Licht Erscheinungen auf sich hat. In dieser Epoche der Menschheit, als Technische Errungenschaften weit hinter dem Wunsch standen, in Einklang mit dem Wunder der Natur zu leben, da begab es sich, dass ein Meister seinen Schüler kindischer Wünsche wegen rügte: Lichtbälle gehören in eine andere Zeit. Weiter merkte er sichtlich verärgert über solch Belanglosigkeiten sprechen zu müssen an: Solcherlei Ding, sei nichts als müder Zeitvertreib und nur für jene gemacht, die aus sich selbst heraus zu leuchten nicht vermögen. In Wahrheit nämlich werde solch magischer Spielkram für eine Zeit des Unwissens gemacht und zu dieser werde solcher Mumpitz auch wieder mehr Macht bekommen als heute, in der das gesamte Leben als auch die Grenzen des Universums noch unbeschadet seien. Als der Schüler vorsichtig anmerkte (nach wie vor bestrebt eine Licht Erscheinung sehen zu wollen), er sei felsenfest davon überzeugt, bereits ein Wissender zu sein und somit auch berechtigt - von ihm aus auch spielerisch – einen echten Lichtball zu sehen, da lachte der Meister seinen Schüler liebevoll an, zog ein kleines regenbogenfarbenes leuchtendes Bällchen aus der Tasche, ließ es ebenso schnell wieder verschwinden und fragte seinen Schüler verschmitzt, wo denn bitte sein Lichtball sei, wenn er schon denke, seine eigene Leuchte zu sein. Anschließend schickte er ihn schlafen.
Gerade stelle ich mir vor, wir Menschen seien alle verspielte Lichtbälle. Wir würden nicht geworfen, gerollt oder ins Bett geschickt! Nein, wir könnten immer von alleine leuchten. Könnten über alles Dunkel der Welt hin weg fegen, als wären wir schon immer nichts als Licht gewesen. Wir alleine reichen aus, um ein erstes Funkeln ins Dünkel zu zaubern.
ES WERDE LICHT !
(msberlinanodazumal)

Sag nie, dass etwas unmöglich ist. Sondern in dem Augenblick, wo du das Unwahr-
scheinliche denkst, hast du den Keim in die Welt gesetzt, der den Hintergrund
verändert.
Wenn du sagst, es kann nur das passieren, was du in der Vergangenheit erfahren
hast, bist du selber derjenige, der eben die Vergangenheit in die Zukunft herein-
schleppt. Das ist die Schwierigkeit, die wir heute haben:
Unsere Realisten sind eigentlich diejenigen, die genau das eben negieren, was das
Leben ausmacht, nämlich dass die Zukunft anders ist als die Vergangenheit.
Hans-Peter Dürr

  Es genügt nicht das Bestehende darzustellen,
notwendig ist an das Erwünschte und an das
Mögliche zu denken. (Maxim Gorki)

-Verschwinden der Zeit-
Das Verschwinden der Zeit ist das Verschwin-
den der Kindheit, der Geborgenheit, der Un-
schuld.

Das Verschwinden der Zeit ist die Uhr, die
rückwärts läuft und von der MAN genauso
weiß, dass sie es tut, wie MAN ebenfalls gelernt
hat dies zu ignorieren.

Das Verschwinden der Zeit ist die Klimakatas-
strophe, das Sterben der Arten, das Steigen der
Pegel.

Das Verschwinden der Zeit ist die tickende
Bombe, ist das nächste Atomkraftwerk, das in
die Luft fliegen wird, der nächste Öltanker, der
havariert, der nächste Chemieunfall, der kom-
men wird.

Das Verschwinden der Zeit ist die Katastrophe,
die da ist und während sie da ist, gleichzeitig
immer näher kommt - und während sie näher
kommt, immer noch ein Stückchen näherkom-
men kann.

Das Verschwinden der Zeit ist das monotone
Schaufeln des eigenen Grabens, der Haltung ES
so zu belassen, weil ES angeblich nicht anders
ginge.

Das Verschwinden der Zeit ist das Monster un-
ter dem Bett, ist der Horror im Kopf, die Dun-
kelheit der Nacht.

Das Verschwinden der Zeit sind die Tränen,
die trocknen, das Schreien, das verstummt,
der Schmerz, der nicht weniger wird, aber sich
irgendwann aushalten lässt.

Das Verschwinden der Zeit ist der Wind, der
zunimmt, der Nebel, der sich übers Land legt,
der Schnee, der auf den Boden fällt.
...die Kinder des Krieges
Metaphern aus dem laufenden Krieg

Die Emigranten heute
Von jeher fliehen die Schmetterlinge und Schwalben und
Flamingos vor der Kälte, Jahr für Jahr, und schwimmen die
Wale auf der Suche nach anderen Meeren und die Lachse und
Forellen auf der Suche nach ihren Flüssen.
Sie reisen Tausende von Meilen auf den freien Wegen der
Luft und des Wassers.
Nicht so frei sind dagegen die Wege des menschlichen
Exodus.
In endlosen Karawanen ziehen die Flüchtlinge auf der
Flucht vor dem unmöglichen Leben.
Sie ziehen vom Süden nach dem Norden und von der aufgehenden
zur untergehenden Sonne.
Ihren Platz auf Erden hat man ihnen geraubt. Arbeit und
Land hat man ihnen weggenommen. Viele fliehen vor den
Kriegen,
doch noch viel mehr fliehen vor den Hungerlöhnen und den
ausgelaugten Böden.
Die Schiffbrüchigen der Globalisierung pilgern und erfin-
den Wege, wollen ein Dach über den Kopf, klopfen an Türen:
Die Türen, die sich wunderbarerweise für das Geld öffnen,
werden ihnen vor der Nase zugeschlagen.
Manche schaffen es, hinein zu schlüpfen. Andere sind die
Leichen, die das Meer an verbotene Küsten wirft, oder
namenlose Körper, die unter der Erde dieser anderen Welt
ruhen, in die sie zu gelangen suchten.
SEBASTIO SALGADO hat sie fotografiert,
in vierzig Ländern,
mehrere Jahre lang,
Von seiner langen Arbeit sind dreihundert Bilder übrig.
Und die dreihundert Bilder dieses unermesslichen mensch-
lichen Unglücks passen zusammen in eine Sekunde.
Nur eine Sekunde währt zusammen alles Licht, das in die
Kamera gedrungen ist, all diese Bilder über:
Grad eben ein Zwinkern in den Augen der Sonne,
nicht mehr als ein flüchtiger Augenblick
in der Erinnerung der Zeit.
EDUARDO GALEANO - ZEIT DIE SPRICHT
Seite 236-237.

Einmal
da hörte ich ihn,
da wusch er die Welt,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.

Eins und Unendlich,
vernichtet,
ichten.
Licht war. Rettung.

Paul Celan

Die Konsequenz erkennen.

Die Notwendigkeit, eine Kultur zu entwicklen, die von uns
selbst bestimmt wird, die auf Solidarität, Gleichberechtigung
und Autonomie basiert und nicht von Profitinteressen und
einer passiven Konsumhaltung geprägt ist. Eine Kultur, die
sich bewußt gegen die herrschende stellt und deren Mensch
und Natur ausbeutenden und zerstörenden Charakter aufzeigt
und überwindet.
Die Notwendigkeit, neue gemeinschaftliche Formen des
Zusammenlebens zu finden, die Entfremdung zwischen uns
zu überwinden, das patriarchale Denken, den Leistungszwang,
die verinnerlichten autoritären Strukturen, die zwischen-
menschliche Kälte.
Die Notwendigkeit, andere Wege zu gehen, den inneren
Willen zu erkennen, zu Fantasie und Kreativität zurückzu-
finden, Freiräume zu schaffen, sich zu wehren,
Widerstand zu leisten, zu kämpfen, zu träumen, zu geben,
zu lieben, zu leben.
Ein Anspruch an jede und jeden von uns. Hier und jetzt.
Die Notwendigkeit erkennen. Die Konsequenz.
Wolfgang Sterneck

"Ich bin kein Revolutionär, Sozialist oder irgedetwas dieser Art. Ich habe damit überhaupt nichts zu tun. Eine kompromisslose Individualität ist meine Politik. Alle politischen Gruppen, die ich auf diesem Planeten kenne, scheinen darauf abzuzielen, Individualität zu unterdrücken. Sie brauchen Wählerstimmen. Sie brauchen Einheiten. Macht nichts ob rechts oder links, die Taktiken sind oft diesselben. Worum es diesen Leuten geht, ist die Uniformität der Masse...Ich hasse all diese Gruppierungen, jede Sorte von Versammlungen dieser Art. Sie zerstören Persönlichkeit und Individualität. Vielleicht ist ein Raum, der voll von Leuten mit unterschiedlichen Meinungen ist, chaotisch, aber er ist wunderbar chaotisch, ungemein unterhaltsam und ausgesprochen lehrreich. Das ist die Weise, auf die wir Sachen lernen - nicht indem wir alle derselben Doktrin folgen. Wahrscheinlich kann die Welt, die ich mir wünsche, nicht wirklich existieren, weil es zu viele Schafe da draußen gibt, die geführt werden wollen. Lass die Schafe blöken, für mich ist das nichts. Ich bin lieber das einsame Schaf, das gegen die Wölfe kämpft. Das ist viel besser. Wenn du in einem Arbeiterklassemilieu aufwächst, dann wird von dir erwartet, dass du da auch drinnen bleibst und den Regeln dieses kleinen Systems folgst. Das kann mir alles gestohlen bleiben. Es ist alles falsch, gleichermaßen beschissen. (JOHN LYDON)

Die Kunst hat keine Identität, die stärker wäre als die Umgebung, in der sie stattfindet. Sie ist ein kleiner Teil, der im Garten der Gegenwart die Zeit umbricht, ein dienlicher und mitarbeitender Teil, der es ermöglicht, etwas zu kompostieren in der Identität des Gegenwärtigen, um es bereit zu machen für eine Zukunft. Die Kunst ist eigentlich nur ein Agent, ein Pulver, das im viel wichtigeren Vorgang des Waschens zur Wirkung kommt. Nicht über seine Identität oder Sichtbarkeit, sondern eben über seine Funktion, sein bloßes Wirken. Michel Foucault

"Ich glaube, es ist die Rolle des Künstlers,
sich an den sozialen Kämpfen seiner/ ihrer Zeit zu beteiligen,
alle Fragen rund um die Menschheit
und was ihn/sie sonst noch umgibt
auf ehrliche und mutige Art zu porträtieren
so, dass Fehler sic
h nicht wiederholen,
und vor allem, dass die Leinwände durch die Zeit hinweg
jene Lehren und Wahrheiten festhalten,
die niemals vergessen werden (sollten).
Das ist es, woran ich glaube."

***
"I believe it is the role of the artist to be engaged
in the social struggles of his/her time
and to portray in a true and courageous way
all issues concerning mankind and all that surrounds him/her,
so that mistakes are not repeated, and above all
for the canvas to hold the lessons and truths,
that will (should) never be forgotten.
This is what I believe. “

***
"Acredito ser papel do artista, estar engajado
nas lutas sociais do seu tempo e retratar de
forma verdadeira e corajosa todas as questões
do homem e de tudo aquilo que o cerca, para
que erros não sejam repetidos e principalmente
para que as telas guardem em seu conteúdo ao
longo do tempo, lições e verdades que jamais
serão esquecidas, é nisto que acredito."

Joao Evangelista Souza , Curitiba, Brazil
Plastic Artist | Maler | Artista Plástico
 

Kunst und Utopie.
Die Chance, Freiheit und Utopie wahrzunehmen, ist fast die Pflicht
der Kunst heute, um der Verengung der Phantasie und die Umstrukturierung
der Gefühle mit Brüchen zu konfrontieren, die Ausdruck einer Welt sind,
die auch sein könnte.
In diesem Sinne ist Kunst stets Verwandlung des vorgefundenen Materials.
Desto entwicklelter die Ebene der Überhöhung/Übertreibung(Verfremdung)
desto geringer ist ihr konservatives Element.
Die Überhöhung ist ein Mittel, um die Wirklichkeit bis an die Grenze
von Täuschung und Trugbild künstlerisch neu zu produzieren, -
deren scheinbare Objektivität und die statischen Gesetzmäßigkeiten,
die sich nur als Wirklichkeit ausgeben, zu entlarven.
Wirksam arbeitet sie mit vermeintlicher Sinnestäuschung.
Die Übertreibung macht nicht Halt vor den Grenzen der Unberechenbarkeit
- der Ratlosigkeit - der Irritation.
Im Gegenteil, sie entwickelt Haltungen in vielfältiger Weise für anders,
um dem Knast der Eindimensionalität ein Schnippchen zu schlagen.
Die Übehöhung als Methode vertraut oder verstößt in einer Zeit maßloser
Überreizung der Sinne den künstlerischen Schein, sie entwickelt ein
Verhältnis zu Elementen individueller oder kollektiver Rebellion in
der Kunst.
Sie verarbeitet Erfahrungen oder verwirft sie.
Das Experiment findet nicht im luftleeren Raum (Elfenbeinturm) statt,
sondern korrespondiert ständig mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit,
um sie im gleichen Moment wieder verlassen zu können.
Die Verbindung von Kunst und Utopie beruht wesentlich auf dem weiten
Spielraum der eigenständig entstandenen Assoziationen im Verhältnis
Künstler/Publikum zu der ungeheuren Mnege an künstlerischen Möglichkeiten,
die die Welt der Wirklichkeit um Vieles  übertrifft.
Überhöhung  bezeichnet Vorgänge detalliert; setzt der Willkür und
Beliebigkeit eine Haltung und damit den Weg der produktiven Aneignung
des Materials entgegen.
Der Zuwachs des Materials durch Vision bestimmt die Qualität des
künstlerischen Produkts. Das Maß ist die die Bildung neuer Wirklichkeiten,
die dem Abbild - der Nachahmung - entgegensteht
In der Überhöhung wächst die Wirklichkeit.
Die Harmonisierung der Welt durch bloße Nachahmung vergrößert die
Geschwindigkeit des Vernichtungsprozesses von Bewegung und Experiment.
Den tödlichen Generalisierungen fällt die Überhöhung als Methode
zum Opfer, sie erzwingen die Trennung von Kunst ihrer fiktiven Elemente,
werden beschreibende Ästehtik, entgestalten die Kunst und liquidieren
ihren verwandelnden Charakter.

Die Reduktion auf Nachahmung und Illustration des vorgefundenen Materials
als Gegensatz zur Verwandlung ist konservativ. Sie unterscheidet sich
wesentlich von der Überhöhung durch die Vereitelung sozialkritischer
Intentionen. Ihre Mittel sind bedingungsloses Einverständnis und nicht
Konfrontation, Brüche oder Distanz.
Die Nachahmung strebt der Ganzheit entgegen, harmonisiert Wirklichkeit
und mystifiziert das Verhältnis von Kunst und Realität.
Eine Begegnung von Kunst und Politik findet jedoch statt, wenn ein
Mit- und Gegeneinander in einer ständigen Überprüfung des Verhältnisses
möglich ist. Das Verhältnis beider zueinander ist bestimmt durch die
Gleichzeitigkeit der Vorgänge, die der Eigenbewegung der Kunst in
Zusammenhang mit den zu verändernden Verhältnissen bringt.
Dinge der Innen- und Aussenwelt werden beobachtet, montiert, verwandelt,
in die Zukunft projiziert und in die Gegenwart zurückgeworfen.
Der ambivalente Charakter von Kunst und Politik wird, wenn er zu einem
eindeutigen Verhältnis gezwungen sein sollte, den Graben zwischen
Aufbruch und aufrührerischem Drang nach kultureller Zerstörung gegen
die Identifikation zu Gunsten des Letzteren verschieben.
Die ausgegrenzte Seite wird dem Irrtum einer neuen Ordnung und
der Macht der Zwänge über die Utopie mit der Möglichkeit einer freien
selbstbestimmten Wirklichkeit begegnen. Nun wird die Kunst nicht mehr
zur Harmonisierung der Wirklichkeit beitragen, sondern sie kann die
Menschen als ständiger innerer und äußerer Unruheherd auf dem steinigen
Weg in die Freiheit begleiten.
Herby Sachs (in SCHWARZER FADEN Nr.27 - 1/88 Seite 51.)

  1. Anarchismus und Popkultur/Kunst

  2. DIE KUNST DER ZUKUNFT WIRD DER UMSTURZ VON SITUATIONEN SEIN
    ODER
    SIE WIRD NICHTS SEIN

  3. Zum Verhältnis von Anarchie und Kunst heute in 20 Thesen

  4. Nach Gott ist nun auch die Kunst gestorben. Auf daß ihre Pfaffen die Klappe nicht wieder aufmachen.
    GEGEN jedes Überleben der Kunst,
    GEGEN die Herrschaft der Trennung,
    DIREKTER DIALOG
    DIREKTE AKTION
    SELBSTVERWALTUNG DES ALLTÄGLICHEN LEBENS
    Komitee Wütende-Situationistische Internationale
  5. 1. Gegenwärtig gibt es in der BRD eine nur unzureichend entwickelte anarchistische Kunst - im Gegensatz zu Frankreich, Italien und den USA, wo die anarchistische Kultur weitaus vielfältiger ist.
  6. "Zugleich hoffe ich auf die Bereitstellung eines universalen Sozialhaushaltes, so daß jeder Mensch über die Mittel verfügt, die er benötigt, um so zu leben, wie er möchte. In diesem Verlangen nach Utopia bin ich Anarchist. Die einzige Herrschaft, der ich traue, ist meine eigene Selbstbeherrschung."
    John Cage
  7. "Anarchie ist der einzige ... Hoffnungsschimmer."
    Mick Jagger
  8. 4. Das Verhältnis der revolutionären Bewegungen zur Kunst war nie ein besonders glückliches. Belastet durch Vorschriften und Vorurteile wurde es gelegentlich sogar vollständig aufgekündigt. In ihren wechselnden Einschätzungen formulierten die politisch Aktiven nur die Nuancen einer grundsätzlich gleichbleibenden Abwehr. Demnach entziehen sich KünstlerInnen der organisatorischen und moralischen Verantwortung, sie nutzen den ihnen zugestandenen Freiraum nur zugunsten individualistischer Karrieren; sie verraten oder diskreditieren ihr soziales Feld und den Stoff, mit dem sie arbeiten. Ein ähnlich gelagertes Problem bestand und besteht zwischen Theorie und Kunst. Auch hier ist ein hierarchisches Verhältnis zur Gewohnheit geworden. Die Produkte der künstlerischen Arbeit an der Erkenntnis und Gestaltung des Lebens werden darauf reduziert, als Reservoir von Phänomenen zu dienen, in dem man Beispiele zur Anregung sucht; ansonsten hat es keine Bedeutung. Auch wenn die Theoretiker für Kuriositäten und Eskapaden ein gemessenes Verständnis aufbringen, wollen sie die Kunst doch von ihrer Verwicklung in die Sinnlichkeit reinigen, bevor sie einen Rest ihres Wirkens in die höheren Regionen des Denkens und Sehens aufsteigen lassen. In der Politik und in der Theorie besteht also ein gleichermaßen großes Defizit an Wissen über die Praxis der KünstlerInnen, ein geringes Interesse für ihre Strategien und Möglichkeiten. Aber auf der Seite der Kunst hat sich diese Entfremdung nicht weniger unproduktiv ausgewirkt. Die KünstlerInnen meiden den politischen und theoretischen Bereich nicht immer wegen der dort herrschenden Inkompetenz oder weil sie mit ihren eigenen Anliegen schlechte Erfahrungen machen mußten und ihnen nur schlechte Vorbilder als Wegweiser angeboten wurden. Sie meiden ihn auch, weil sie sich bestimmten Realitäten verschließen, sei es aus Furcht vor der eigenen Inkompetenz oder weil sie die Definition ihrer Rolle in der Gesellschaft hinnehmen.
  9. "Nur die Phantasielosen
    flüchten in die Realität;
    und zerschellen dann, wie
    billich, dran."
    Arno Schmidt
  10. "Um heute Künstler zu sein, muß man auch Philosoph sein, nicht in dem Sinne, daß man Platon oder Aristoteles gelesen haben muß, sondern insofern, als man sich die Frage nach dem Einsatz zu stellen hat: Was macht man da eigentlich?
    Lyotard
  11. "Aufgabe von Kunst ist es heute, Chaos in die Ordnung zu treiben."
    Theodor W. Adorno
  12. 8. Die 68er-Revolte war - auch was deren anarchistischen 'Flügel' anbelangt - eindeutig marxismuslastig. Kunst war und ist im Marxismus stets Teil des sog. 'Überbaus' und damit zweitrangig bzw. unwichtig. Dieses distanzierte Verhältnis zur Kunst läßt sich in der bundesrepublikanischen Anarcho-Bewegung (z.B. FAU) bis heute nachweisen.
  13. "Dadaismus ist eine Strategie, wie der Künstler dem Bürger etwas von seiner inneren Unruhe, die ihn nie in Gewohnheit einschlafen läßt, mitteilen, wie er den Erstarrten durch äußere Beunruhigung zu neuem Leben aufrütteln will, um ihm den Mangel an innerer Not und Bewegung zu ersetzen."
    Udo Rukser, Dada Almanach (1920)
  14. "Ich sehe meine Lebensaufgabe im wesentlichen darin, eine Art Reizmittel zu sein - nicht etwas wirklich Destruktives, sondern einer der beunruhigt, der desorientiert. Einer, der den Alltagstrott gerade insoweit unterbricht, daß das Opfer auf den Gedanken kommt, es könnte vielleicht mehr geben, als die bloße Langeweile des Daseins."
    Elvis Costello
  15. "Wir wollen nichts anderes, als die Leute auf Touren bringen, auf eine Fahrt mitnehmen... rücksichtlos."
    Keith Richard
  16. 12. In der anarchistischen Bewegung (das gilt aber sicherlich fast für den gesamten Linksradikalismus) ist Kunst nach wie vor etwas separiertes, der sog. 'politischen' Sphäre untergeordnet. Kultur und Theorie sind voneinander getrennt. Kultur ist Beigeschmack. Hegemonial ist der Bereich der Politik. Die ästhetische Komponente fällt weitgehend aus dieser Rezeption heraus. Die Kulturseiten der meisten anarchistischen Zeitschriften laufen unter 'ferner liefen'. Die politischen AnarchistInnen und die anarchistischen KünstlerInnen bewegen sich fast ausschließlich in ihren jeweiligen Szenen und halten sich voneinander fern.
  17. "Ich halte meine Sehnsüchte für Realität, weil ich an die Realität meiner Sehnsüchte glaube."
    Mai-68-Slogan
  18. REVOLUTION HÖRT IN DEM AUGENBLICK AUF ZU EXISTIEREN WO ES NOTWENDIG WIRD SICH FÜR SIE OPFERN ZU LASSEN ES IST VERBOTEN ZU VERBIETEN WEDER GÖTTER NOCH HERREN NIEDER MIT DEM ABSTRAKTEN LANG LEBE DAS FLÜCHTIGE DURCH DIE KUNST STARB GOTT NIEDER MIT EINER WELT WO DIE GARANTIE DASS WIR NICHT HUNGERS STERBEN MIT DER GARANTIE ERKAUFT WURDE DASS WIR AN LANGEWEILE STERBEN CLUB MED EIN BILLIGER URLAUB IM ELEND ANDERER LEUTE WECHSELT NICHT DIE ARBEITGEBER WECHSELT DIE TÄTIGKEIT DES LEBENS ARBEITET NIE DER ZUFALL MUSS SYSTEMATISCH ERFORSCHT WERDEN LAUF GENOSSIN DIE ALTE WELT IST DIR AUF DEN FERSEN JE MEHR MAN KONSUMIERT DESTO WENIGER LEBT MAN LEBE OHNE TOTE ZEIT GENIESSE UNGEHINDERTE LEIDENSCHAFT WER ÜBER REVOLUTION UND ANARCHIE REDET OHNE SICH AUSDRÜCKLICH AUF DAS TÄGLICHE LEBEN ZU BEZIEHEN OHNE ZU BEGREIFEN WAS AN DER LIEBE SUBVERSIV UND WAS AN DER ABLEHNUNG VON ZWÄNGEN POSITIV IST HAT LEICHEN IM MUND UNTER DEM PFLASTER LIEGT DER STRAND
    Situationistisches
  19. 15. Dem 'Punk' Ende der siebziger Jahre ist es gelungen, die Trennung von 'Kunst' und 'Politik' für einen Moment aufzuheben. 'Punk' ist antipolitisch und gegen jegliche Professionalisierung. Punk als direkte Lebensäußerungen von Menschen ist Teil einer anarchistischen Kunst, die in ihrer 'Verrücktheit' die Phantasie belebt.
  20. "Revolution ist die Bewegung zwischen zwei Zuständlichkeiten. Hierbei stelle man sich nicht das Bild einer sich langsam drehenden Rolle vor, sondern eines ausbrechenden Vulkans...
    Alle Revolution ist aktiv, singulär, plötzlich und ihre Ursachen entwurzelnd.
    Revolution entsteht, wenn ein Zustand unhaltbar geworden ist: mag dieser Zustand in den politischen oder sozialen Verhältnissen eines Landes, in einer geistigen oder religiösen Kultur oder in den Eigenschaften eines Individuums stabilisiert sein.
    Die treibenden Kräfte der Revolution sind Überdruß und Sehnsucht, ihr Ausdruck ist Zerstörung und Aufrichtung.
    Zerstörung und Aufrichtung sind in der Revolution identisch. Alle zerstörende Lust ist eine schöpferische Lust (Bakunin).
    Einige Formen der Revolution: Tyrannenmord, Absetzung einer Herrschergewalt, Etablierung einer Religion, Zerbrechen alter Tafeln (in Konvention und Kunst), Schaffen eines Kunstwerks; der Geschlechtsakt.
    Einige Synonyma für Revolution: Gott, Leben, Brunst, Rausch, Chaos.
    Laßt uns chaotisch sein!"
    Erich Mühsam
  21. 17. Ziel einer anarchistischen Kultur sollte es sein, die Risse innerhalb der bestehenden hierarchischen, patriarchalen Industriegesellschaft zu vertiefen, auf keinen Fall zu ihrer Harmonisierung beizutragen, sondern sozialer und kultureller Unruheherd sein und Gedanken praktischer Verweigerung beinhalten.
  22. "Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!
    Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.
    ...
    Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
    Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
    Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
    Tut das Unnütze, singt Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
    Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"
    Günther Eich
  23. KATZEN und PFAUEN
    baubo sbugi ninga gloffa
  24. siwi faffa
    sbugi faffa
    olofa fafamo
    faufo halja finj
  25. sirgi ninga banja sbugi
    halja hanja golja biddim
  26. ma ma
    piaupa
    mjama
  27. pawapa baungo sbugi
    ninga
    gloffalor
    Hugo Ball
  28. 20. Umherschweifen, Vagabondage, Rausch, individuelle Provokation, Provokation des marginalen Konsenses, Interaktion zwischen den revolutionären Bewegungen und der Kunst, soziale Individualität, Förderation, Kommune, Vernetzung. Frage: Wenn Kunst stets etwas separiertes ist, kann es Kunst dann noch in der Anarchie geben?
  29. "In Zukunft wird die Verwirklichung des reinen Gestaltungsausdrucks in der greifbaren Realität unserer Umwelt das Kunstwerk ersetzen. Aber um das zu erreichen, ist eine Orientierung zu universeller Vorstellung und Lösung vom Druck der Natur notwendig. Dann werden wir keine Bilder und Skulpturen mehr nötig haben, weil wir in der verwirklichten Kunst leben. Kunst wird verschwinden in dem Maße, als das Leben selbst an Gleichheit gewinnt. Zur Zeit ist Kunst noch von größter Wichtigkeit, weil sie gestalterisch auf direktem Wege, frei von individuellen Vorstellungen die Gesetze des Gleichgewichts demonstriert."
    Piet Mondrian
  30. FORUM 'COME TOGETHER' (ANTI-)POLITIK UND (ANTI-)KUNST

 

Zeit.
Der Anspruch der Kommune ist, so viel Zeit wie möglich
für alle zu befreien. Dieser Anspruch wird nicht allein,
nicht hauptsächlich in der Zahl von Stunden gerechnet, die
von jeder Lohnausbeutung unberührt sind.
Die befreite Zeit versetzt uns in Ferien.
Die vakante Zeit, die tote Zeit, die Zeit der Leere und der
Angst vor der Leere, das ist Arbeitszeit.
Von nun an gibt es keine Zeit mehr,
die zu füllen ist,
sondern eine Freisetzung von Energie,
die keine Zeit mehr begrenzt;
Linien, die sich abzeichnen, die schärfer werden,
denen wir nach Belieben folgen können,
bis zum Ende,
bis wir sehen,
wie sie andere kreuzen.
Unsichtbares Komitee

Wohin geht ihr? Woher kommt ihr? Was wollt ihr erreichen? - Das sind unnütze Fragen. - Von der Mitte ausgehend, durch die Mitte hindurch, eher gehen und kommen als aufbrechen und ankommen. Ein Strom ohne Anfang oder Ende, der seine beiden Ufer unterspült und in der Mitte immer schneller fließt. (Gilles Deleuze-Felix Guattari)

 

Howl - Allen Ginsberg.

Geheul ("Howl")


von Allen Ginsberg


Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört,
hungernd hysterisch nackt

die sich im Morgengrauen durch die Negerstrassen schleppten auf der
Suche nach einem wütenden Schuß

engelköpfige Hipster, dem alten himmlischen Kontakt zur Sternenlicht-
maschine im Getriebe der Nacht entgegenfiebernd

die arm & abgerissen & hohläugig und high im übernatürlichen Dunkel
der Armeleutewohnungen rauchend wachsaßen, schwebend über dem
Häusermeer in Jazz-Ekstase

die ihre Hirne dem Himmel unter der Hochbahn entblößten und wahr-
nahmen schwankende mohammedanische Engel, erleuchtet über den
Mietskasernendächern

die durch die Universitäten gingen mit strahlend kühlem Blick und Hallu-
zinationen von Arkansas und Blake'schen Tragödien unter den
Schülern des Krieges hatten

die wegen Irrsinns aus den Akademien ausgeschlossen wurden und weil
sie obszöne Oden auf die Fenster des Totenschädels kritzelten

die in Unterhosen auf dreckigen Buden hockten, ihr Geld im Papierkorb
verbrennend und lauschend auf die Angst von nebenan

die auf der Rückreise durch Laredo mit ihren Schamhaarbärten ge-
schnappt wurden, einen Gürtel voll Marihuana für New York dabei


die in Pennerabsteigen Fusel schluckten oder sich in Paradise Alley mit
Terpentin zu Tode soffen oder Nacht für Nacht ihren Torso im Fege-
feuer verbrannten


mit Träumen, mit Drogen, mit Wahnvorstellungen, Alkohol und Schwanz
und endlosem Fick

unvergleichliche blinde Straßen mit zuckenden Wolken und Blitzen im
Kopf, die übersprangen auf Telegrafenmasten in Kanada und Paterson
und die ganze stillstehende Welt dazwischen erleuchteten

Peyotemassivität von Hausfluren, hinterhof-baumgrüne Friedhofsdäm-
merungen, Weinsuff über den Dächern, haschischtrunkene Spazier-
fahrten durch Einkaufsviertel mit blinkenden Neonreklamen und Ver-
kehrsampeln, Sonne und Mond und Baumvibrationen in der tosenden
Winterabenddämmerung Brooklyns, Querelen zwischen Ascheimern
und das freundliche erhabene Licht des Geistes

die sich an U-Bahnen ketteten zur endlosen Fahrt von der Battery zur
heiligen Bronx, vollgepumpt mit Benzedrin, bis der Lärm der Räder und
Kinder sie wieder ernüchterte, schaudernd, mundmatt und verblödet,
allen Geistes entleert im trüben Dämmerlicht am Zoo

die nächtelang im unterseeischen Licht von Bickford's versackten,
hinaustrieben und die Nachmittage bei schalem Bier im trostlosen
Fugazzi's absaßen, wo sie das Donnern des Jüngsten Gerichts aus
der Wasserstoffjukebox dröhnen hörten

die 70 Stunden lang ununterbrochen redeten, vom Park zur Bude zum
Bellevue zum Museum zur Brooklyn Bridge

ein verlorener Haufen platonischer Schwafler, die vom Balkon sprangen,
von Feuerleitern, von Fenstersimsen, vom Empire State, vom Mond

quasselnd, brüllend, kotzend, wispernd von Fakten & Erinnerungen &
Anekdoten & visuellen Kicks und Schocks aus Krankenhäusern und
Zuchthäusern und Kriegen

ganze Intellekte in totaler Erinnerung mit fieberglänzenden Augen in
sieben Tagen und Nächten hervorgewürgt, Fleisch für die Synagoge,
hingeworfen auf das Straßenpflaster

die im Zen-Niemandsland von New Jersey verschwanden und lediglich
eine zweideutige Spur von Postkarten hinterließen mit dem Rathaus
von Atlantic City drauf

die Schweißausbrüche im Fernen Osten und Gliederschmerzen in
Tanger und Migränen in China noch einmal durchlitten beim Drogen-
entzug im kahlmöblierten Zimmer in Newark

die auf dem mittelalterlichen Güterbahnhof herumstrolchten und sich
fragten, wohin sie fahren sollten und schließlich abfuhren, ohne daß
ihnen jemand nachtrauerte

die sich Feuer gaben in Güterwagen Güterwagen Güterwagen, die durch
den Schnee ratterten, einsamen Farmen in Großvater Nacht entgegen

die Plotin, Poe, Juan de la Cruz, Telepathie und Bop-Kabbalah
studierten, weil sie instinktiv die Schwingungen des Kosmos in Kansas
unter ihren Füßen gespürt hatten

die einsam durch die Straßen Idahos irrten auf der Suche nach visionä-
ren indianischen Engeln, die visionäre indianische Engel wären

die dachten, sie seien bloß verrückt, als Baltimore in übernatürlicher
Ekstase erglühte

die in Limousinen sprangen mit dem Chinesen aus Oklahoma, weil es
ihnen gerade in den Sinn kam unter der mitternächtlichen Straßen-
laterne einer kleinen Stadt im Winterregen

die hungrig und verlassen in Houston herumlungerten auf der Suche
nach Jazz oder Sex oder einer Suppe und sich dem geistreichen
Spanier anschlossen um mit ihm über Amerika und die Ewigkeit zu
diskutieren, einem hoffnungslosen Unterfangen, weshalb sie sich nach
Afrika einschifften

die in den Vulkanen Mexikos verschwanden, nichts hinterlassend als den
Schatten von Arbeitshosen und die Lava und Asche verbrannter
Gedichte, verstreut in Chicagos offenem Kamin

die an der Westküste wieder auftauchten und bärtig und in Shorts gegen
das FBI ermittelten, mit großen pazifistischen Augen, sexy in ihrer
Sonnenbräune, und unverständliche Flugblätter herumreichten

die sich mit Zigaretten Löcher in die Arme brannten, dem narkotischen
Tabakmief des Kapitalismus zum Trotz

die auf dem Union Sqaure erzkommunistische Pamphlete verteilten,
schluchzend & sich entkleidend , während die Sirenen von Los Alamos sie niederheulten, und die Wall Street runterheulten, und die Staten Island Fähre heulte auch

die weinend zusammenbrachen in weißen Turnhallen, nackt und zitternd
vor der Maschinerie anderer Skelette

die Polizisten in den Nacken bissen und in Streifenwagen vor Vergnügen
kreischten, weil sie kein anderes Verbrechen begangen hatten, als
wilde hemmungslose Päderasten und Süchtige zu sein

die in der U-Bahn auf den Knien lagen und heulten und vom Dach ge-
zerrt wurden, mit Genitalien und Manuskripten wedelnd

die sich von frommen Motorradfahrern in den Arsch ficken ließen und
schrieen vor Lust

die bliesen und sich blasen ließen von jenen Seraphen in Menschen-
gestalt, den Matrosen, mit Zärtlichkeiten atlantischer und karibischer
Liebe

die morgens und abends in Rosengärten, im Gras der Parks und auf
Friedhöfen vögelten, ihren Samen freigiebig an wen auch immer ver-
streuend

die endlosen Schluckauf bekamen beim Versuch zu kichern, der in
einem Schluchzer endete hinter der Trennwand im Türkischen Bad, als
der blonde und nackte Engel kam, um sie mit einem Schwert zu durch-
bohren

die ihre Liebhaber an die drei alten Vetteln des Schicksals verloren: die
einäugige Vettel des heterosexuellen Dollars, die einäugige Vettel, die
mit den Schamlippen zwinkert und die einäugige Vettel, die nur auf
ihrem Hintern sitzt und auf dem Webstuhl des Schöpfers die goldenen
Fäden des Geistes durchtrennt

die ekstatisch und unersättlich kopulierten, mit einer Bierflasche, einem
Liebsten, einer Schachtel Zigaretten, einer Kerze und aus dem Bett
fielen und auf dem Fußboden weitermachten bis sie draußen im Flur
landeten, wo sie schließlich mit schwindendem Bewußtsein an der
Wand zusammensackten mit einer Vision vom vollkommenen Fick, mit
dem sie endgültig dem Bewußtsein entkämen

die einer Million Mädchen die Möse beglückten, zitternd in der Abendröte
und am Morgen rote Augen hatten und dennoch bereit waren, auch der
aufgehenden Sonne die Möse zu beglücken, mit blanken Hintern die
unter Scheunendächern aufblitzten und nackt im Teich

die nachts in Myriaden gestohlener Autos durch Colorado hurten, N.C.,
geheimer Held dieser Gedichte, Aufreißer und Adonis von Denver -
mit Freude gedenken wir der unzähligen Male, wo er die Mädchen
herumkriegte, auf leeren Grundstücken und in Hinterhöfen von Knei-
pen, auf wackligen Kinositzreihen, auf Bergen und in Höhlen oder in
vertrauten Straßengräben, einsames Petticoatlüpfen mit mageren
Kellnerinnen, und besonders in der heimlichen Abgeschiedenheit von
Tankstellenklos und auch in den Gassen seiner Heimatstadt

die in riesigen schäbigen Kinos wegtraten, in ihren Träumen herumge-
schoben wurden, jäh in Manhattan erwachten, sich hochrappelten und
aus Kellern krochen, verkatert vom unbarmherzigen Tokayer und vom
Graus eiserner Third Avenue-Träume und zu den Stempelstellen
wankten

die nächtelang mit Schuhen voll Blut über die verschneiten Docks wan-
derten & darauf warteten, daß sich im East River eine Tür auftue zu
einem Raum voller Saunadampf und Opium

die auf den Apartementuferklippen des Hudson große suizidale Dramen
inszenierten unterm blauen kriegerischen Flutlicht des Mondes und
ihre Häupter sollten mit Lorbeerkränzen gekrönt der Vergessenheit
anheimfallen

die das gesottene Hammelfleisch der Phantasie aßen oder den Krebs im
schlammigen Flußbett der Bowery verdauten

die der Romantik der Straße nachweinten mit ihren Einkaufswagen voller
Zwiebeln und schlechter Musik

die in Pappkartons saßen und das Dunkel unter Brücken einatmeten und
aufstanden, Klavichorde auf ihren Speichern zu bauen

die in Harlem im sechsten Stock husteten, flammengekrönt unterm
schwindsüchtigen Himmel, umgeben von Obstkisten voll Theologie

die die ganze Nacht in Trance kritzelnd über erhabenen Verschwörun-
gen saßen und im gelben Licht des Morgens waren es nur Strophen
von Kauderwelsch

die aus verfaulter Tiere Lunge, Herz, Klauen, Schwanz Borschtsch und
Tortillas kochten während sie nach dem reinen vegetarischen Reich
lechzten

die ihre Uhren vom Dach schmissen um eine Ewigkeit jenseits der Zeit
zu wählen und Wecker fielen ihnen im nächsten Jahrzehnt täglich aufs
Haupt

die sich dreimal hintereinander erfolglos die Pulsadern aufschnitten, es
aufgaben und gezwungen waren, Antiquitätenläden zu eröffnen, in
denen sie alt zu werden glaubten und weinten

die in ihren unschuldigen Flanellanzügen auf der Madison Avenue leben-
dig verbrannt wurden, im Feuerstoß bleierner Fabrikverse & im
Panzergerassel eiserner Moderegimenter & im Dynamitgekreisch
schwuler Werbefachleute & im Tränengas finsterer kluger Verleger
oder die von den trunkenen Taxen der absoluten Wirklichkeit überrollt
wurden

die sich von der Brooklyn Bridge stürzten, das ist wirklich passiert, &
unerkannt und vergessen in der gespenstischen Umnachtung der
suppenduftenden Straßen und Feuerlöschzüge China Towns
verschwanden, wo sie nicht ein einziges Bier ausgegeben bekamen

die verzweifelt aus ihren Fenstern sangen, aus dem U-Bahnfenster
fielen, in den verdreckten Passaic sprangen, sich auf Neger stürzten,
die Straße langjammerten, auf zerbrochenen Weingläsern barfuß
tanzten, nostalgisch-europäische Schallplatten mit deutschem 30er-
Jahre-Jazz zerschlugen, den Whisky austranken und ächzend ins
blutige Klosett spieen, Stöhnen im Ohr und den Stoß kolossaler
Fabrikpfeifen

die über die Highways der Vergangenheit brausten, um sich gegenseitig
ihre Halbstarken-Golgathas, die Gefängnisse ihrer einsam durchwach-
ten Nächte oder das Birmingham ihrer Jazz-Auferstehung zu zeigen

die in 72 Stunden quer durchs Land fuhren um herauszufinden, ob ich
eine Vision hatte oder du eine Vision hattest oder er eine Vision hatte,
die Ewigkeit zu finden

die nach Denver fuhren, die starben in Denver, nach Denver zurück-
kehrten zu vergeblichem Warten, die wachten in Denver und einsam
starrten in Denver und endlich gingen, die Zeit zu erfragen, und jetzt
vermißt Denver seine Helden

die in Kathedralen ohne Hoffnung auf die Knie fielen und füreinander
beteten um Erlösung und Licht und Brüste, bis ihre Seele sich für einen
Moment einen Heiligenschein aufs Haar setzte

die im Gefängnis mit ihren Hirnen die Schallmauer durchbrachen, wo sie
auf unmögliche Verbrecher mit goldenen Köpfen und dem Zauber der
Realität im Herzen warteten, die einen wehmütigen Blues auf Alcatraz
singen würden

die sich nach Mexiko zurückzogen, eine Gewohnheit zu pflegen, oder
nach Rocky Mount zum sanften Buddha oder nach Tanger zu Knaben
oder zur schwarzen Lokomotive der Southern Pacific oder nach
Harvard zu Narzißmus und Woodlawn und Ringelpiez oder ins Grab

die dem Radio hypnotische Praktiken vorwarfen und Zurechnungsfähig-
keitsverfahren verlangten und am Ende dastanden mit ihrer Geistes-
verwirrung und ihren Händen und unentschiedenen Geschworenen

die in Dadaismus-Vorlesungen am City College von New York die Vor-
tragenden mit Kartoffelsalat bewarfen und anschließend auf den
Granitstufen der Irrenanstalten mit rasierten Köpfen und von Selbst-
mord faselndem Wortsalat erschienen und sofortige Lobotomie ver-
langten

denen stattdessen gegeben wurde die konkrete Leere von Insulin,
Metrasol, Elektroschock, Hydrotherapie, Psychotherapie, Beschäfti-
gungstherapie, Ping Pong und Amnesie

die in humorlosem Protest dagegen nur eine symbolische Tisch-
tennisplatte umwarfen und kurz in Katatonie verharrten

um Jahre später zurückzukehren, wirklich kahl, bis auf eine Perücke aus
Blut & Tränen und Fingern ins sichtbare Verderben der Verrückten in
den geschlossenen Anstalten der Wahnsinnsstädte des Ostens

in die stinkenden Hallen Rocklands und Greystones im Pilgerstaat
Massachussetts in denen sich die Echos der Seele brechen, schwan-
kend und schlingernd im Grabmalreich der Liebe auf einsamen mitter-
nächtlichen Parkbänken, der Liebestraum ein Alpdruck, steingeworde-
ne Körper, schwer wie der Mond

mit Mutter endlich *** und das letzte tolle Buch aus dem Mietskasernen-
fenster geschleudert und die letzte Tür um 4 Uhr morgens zugemacht
und das letzte Telefon als Antwort gegen die Wand geknallt und das
letzte möblierte Zimmer leergeräumt bis aufs letzte Stück des geistigen
Inventars, eine gelbe Papierrose um einen Drahtbügel im Wand-
schrank gewunden und selbst das imaginär, nichts als ein hoffnungs-
volles kleines bißchen Halluzination -

ach Carl, solange du nicht in Sicherheit bist, bin ich es auch nicht und
jetzt bist du wirklich im totalen tierischen Sumpf der Zeit -

und die deshalb durch die eisigen Straßen rannten, besessen von einer
plötzlichen Einsicht in die alchemistische Anwendung der Ellipse, des
Katalogs, des Zollstocks und vibrierenden Hobels

die träumten und leibhaftige Breschen in Raum und Zeit schlugen mit
nebeneinander erstehenden Bildern, den Erzengel der Seele zwischen
zwei visuellen Vorstellungen einfingen, die elementaren Verben ver-
banden, Substantiv und Trennungsstrich des Bewußtseins vereinten,
außer sich im Empfinden des Pater Omnipotens Aeterna Deus

um Syntax und Versmaß der verarmten menschlichen Prosa neu zu
schaffen und vor euch zu stehen, sprachlos und intelligent und zitternd
vor Scham, zurückgewiesen & doch offen ihre Seele bekennend, um
einzustimmen in den Rhythmus der Gedanken in ihrem nackten und
grenzenlosen Gehirn

das Metrum der Verrückten, Gammler und Engel, unbekannt und doch,
hier festhaltend was noch zu sagen übrigbleiben mag in der Zeit nach
unserem Tod

und sind auferstanden im Geistergewand des Jazz im goldenen Schat-
ten der Blasorchester und stießen des nackten amerikanischen
Geistes quälende Sehnsucht nach Liebe in einem eli eli lamma lamma
sabacthani Saxophonschrei aus, der die Städte bis aufs letzte Radio
erzittern ließ

und das Urherz des Lebensgedichts ward ihnen aus dem Leib gerissen,
um eßbar zu bleiben tausend Jahre lang

Welche Sphinx aus Aluminium und Zement schlug ihnen die Schädel auf
und fraß daraus ihr Hirn und ihre Phantasie?

Moloch! Einsamkeit! Dreck! Häßlichkeit! Mülltonnen und unerschwing-
liche Dollars! Schreiende Kinder unter den Treppen! Schluchzende
Jungs beim Militär! Alte Männer weinend im Park!

Moloch! Moloch! Alptraum von Moloch! Moloch der Lieblose! Mentaler
Moloch! Moloch harter Richter über die Menschen!

Moloch das unbegreifliche Gefängnis! Moloch das gnadenlose Zucht-
haus unter der Totenkopfflagge und Kongress der Ängste! Moloch
dessen Gebäude die Urteile sind! Moloch der riesige Stein des Krie-
ges! Moloch die handlungsunfähigen Regierungen!

Moloch dessen Denken nur maschinell ist! Moloch in dessen Adern Geld
fließt! Moloch dessen Finger zehn Armeen sind! Moloch dessen Herz
ein kannibalischer Dynamo ist! Moloch sein Ohr ein rauchendes Grab!

Moloch dessen Augen tausend blinde Fenster sind! Moloch dessen
Hochhäuser in den langen Straßen wie ewige Jehovas stehen! Moloch
dessen Fabriken träumen und krächzen im Nebel! Moloch dessen
Schornsteine und Antennen die Städte krönen!

Moloch dessen Liebe ein Meer von Öl und Steinen ist! Moloch dessen
Seele aus Strom und Banken besteht! Moloch dessen Armut das
Gespenst des Genius ist! Moloch dessen Schicksal eine Wolke
geschlechtslosen Wasserstoffs ist! Moloch dessen Name Verstand!

Moloch in dem ich einsam sitze! Moloch in dem ich mir Engel erträume!
Verrückt im Moloch! Ungeliebt und ohne Mann im Moloch!

Moloch der früh in meine Seele eindrang! Moloch in dem ich ein Bewußt-
sein ohne Körper bin! Moloch der mich aus meiner natürlichen Ekstase
schreckte! Moloch von dem ich mich lossage! Wach auf im Moloch!
Licht strömt aus dem Himmel herab!

Moloch! Moloch! Roboterwohnungen! unsichtbare Vorstädte! Schatz-
kammern voller Skelette! blindes Kapital! dämonische Industrien!
gespenstische Nationen! unbesiegbare Irrenhäuser! Schwänze aus
Granit! monströse Bomben!

Sie brachen sich das Kreuz als sie Moloch zum Himmel hoben! Bürger-
steige Bäume Radios, tonnenschwer! Sie hoben die Stadt zum Himmel
empor, der wirklich existiert und uns überall umgibt!

Visionen! Omen! Halluzinationen! Wunder! Ekstasen! alles den amerika-
nischen Bach runter!

Träume! Anbetungen! Erleuchtungen! Religionen! die ganze Schiffs-
ladung gefühlvoller Scheiße!

Durchbrüche! im Fluß gelandet! Ausraster und Kreuzigungen! fortgespült
mit der Flut! Höhenflüge! Erscheinungen! Verzweiflung! Animalische
Schreie und Selbstmorde aus zehn Jahren! Kluge Köpfe! Neue Lieb-
schaften! Verrückte Generation! gestrandet an den Felsen der Zeit!

Echtes heiliges Gelächter im Fluß! Sie haben alles gesehen! die wilden
Augen! die heiligen Schreie! Sie sagten Lebwohl! Sie sprangen vom
Dach! in die Einsamkeit! winkend! Blumen in der Hand! Hinunter zum
Fluß! raus auf die Straße!

Carl Solomon! Ich bin bei dir in Rockland
wo du verrückter bist als ich

Ich bin bei dir in Rockland
wo du dir sehr seltsam vorkommen mußt

Ich bin bei dir in Rockland
wo du den Schatten meiner Mutter nachahmst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du deine 12 Sekretäre ermordet hast

Ich bin bei dir in Rockland
wo du über diesen unsichtbaren Humor lachst

Ich bin bei dir in Rockland
wo wir große Schriftsteller sind auf derselben schrecklichen Schreib-
maschine

Ich bin bei dir in Rockland
wo dein Zustand ernst geworden ist und im Radio durchgegeben wird

Ich bin bei dir in Rockland
wo die Fakultäten der Schädel die Würmer der Sinne nicht länger
zulassen

Ich bin bei dir in Rockland
wo du den Tee aus den Brüsten der alten Jungfern von Utica trinkst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du die Gestalten deiner Pflegerinnen als die Harpyien der Bronx
verhöhnst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du in deiner Zwangsjacke schreist, daß du das entscheidende
Tischtennisspiel am Rande des Abgrunds verlierst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du auf das katatonische Klavier hämmerst: die Seele ist unschuldig
& unsterblich & sollte nicht gottlos in einem gepanzerten Irrenhaus
draufgehn

Ich bin bei dir in Rockland
wo auch weitere 50 Schockbehandlungen deine Seele nicht wieder in
ihren Körper zurückbringen werden von ihrer Pilgerfahrt zu einem
Kreuz in der Leere

Ich bin bei dir in Rockland
wo du deine Ärzte der Geistesverwirrung anklagst und die hebräisch-
sozialistische Revolution gegen das faschistische nationale Golgatha
anzettelst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du die Himmel über Long Island spalten wirst & deinen lebenden
menschlichen Jesus aus dem übermenschlichen Grab auferstehen läßt

Ich bin bei dir in Rockland
wo 25.000 verrückte Kameraden alle zusammen die letzten Strophen
der Internationale singen

Ich bin bei dir in Rockland
wo wir unter unseren Bettdecken die Vereinigten Staaten an uns
drücken und küssen, die Vereinigten Staaten, die die ganze Nacht
husten und uns nicht schlafen lassen

Ich bin bei dir in Rockland
wo wir von den Flugzeugen unserer eigenen Seelen wie elektrisiert aus
dem Koma aufgeschreckt werden, die donnernd übers Dach fliegen
und gekommen sind, engelgleiche Bomben abzuwerfen, das Kranken-
haus erstrahlt von selbst in festlicher Beleuchtung imaginäre Wände
stürzen ein O magere Legionen rennen nach draußen O Sternenban-
nerschock der Gnade, der ewige Krieg ist da O Sieg, vergiß jetzt deine
Unterwäsche, wir sind frei

Ich bin bei dir in Rockland
in meinem Träumen wanderst du triefnass von einer Seereise auf der
Straße quer durch Amerika weinend zur Tür meiner Hütte im nächtli-
chen Westen


Fußnote zu ‚Geheul'

Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig!
Heilig! Heilig! Heilig! Heilig!

Die Welt ist heilig! Die Seele ist heilig! Die Haut ist heilig! Die Nase ist
heilig! Zunge und Schwanz und Hand und Arschloch heilig!

Alles ist heilig! Alle sind heilig! überall ist heilig! jeder Tag ist in Ewigkeit!
Alle sind Engel!

Der Gammler ist so heilig wie der Seraphim! Der Verrückte ist heilig, wie
du, meine Seele heilig bist!

Die Schreibmaschine ist heilig das Gedicht ist heilig die Stimme ist heilig
die sie hören sind heilig die Ekstase ist heilig!

Heilig Peter heilig Allen heilig Solomon heilig Lucien heilig Kerouac heilig
Huncke heilig Burroughs heilig Cassady heilig die namenlosen ge-
schundenen und leidenden Bettler heilig die abscheulichen menschli-
chen Engel!

Heilig meine Mutter im Irrenhaus! Heilig die Schwänze der Großväter in
Kansas!

Heilig das stöhnende Saxophon! Heilig die Be-Bop-Apokalypse! Heilig
Jazzbands Marihuana Hipster Frieden und Drogen und Trommeln!

Heilig die Einsamkeit von Wolkenkratzern und Gehsteigen! Heilig die
Cafeterias wimmelnd von Millionen! Heilig die geheimnisvollen Tränen-
ströme unter den Straßen!

Heilig der einsame Götze! Heilig das riesige Mittelklasselamm! Heilig die
verrückten Schafhirten der Rebellion! Wer auf Los Angeles steht IST
Los Angeles!

Heilig New York Heilig San Francisco Heilig Peoria und Seattle Heilig
Paris Heilig Tanger Heilig Moskau Heilig Istanbul!

Heilig die Zeit in Ewigkeit heilig die Ewigkeit in der Zeit heilig die Uhren
im All heilig die 4. Dimension heilig die 5. Internationale heilig der Engel
im Moloch!
Heilig die See heilig die Wüste heilig die Eisenbahn heilig die Lokomotive
heilig die Visionen heilig die Halluzinationen heilig die Wunder heilig der
Augapfel heilig der Abgrund!

Heilig Vergebung! Gnade! Nächstenliebe! Glaube! Heilig! unser! Körper!
Leiden! Großmut!

Heilig die übernatürliche extrabrilliante intelligente Güte der Seele!



- San Francisco 1955/56 -


(Übersetzung: Sophie Warning)

"Wir haben fast vergessen, dass wir, wenn wir mit jemand reden wol-
len, zu ihm/ihr nach Hause gehen und an die Tür klopfen können. Wir
haben fast vergessen, was es heißt, persönlich zu kommunizieren, mit
Emotionen, Lachen oder Wut, die wir an unseren Gesichtern, an dem
Tonfall unserer Stimme oder dem Zittern unserer Hände ablesen können.
Wir haben fast vergessen, dass diese Maschinen vor gar nicht so langer
Zeit noch kein Teil unserer Leben waren, dass wir nicht in diese digita-
len Welten eingeschlossen waren, die mehr und mehr Kontrolle über
unsere Tage übernehmen, dass die Menschen ohne dies durchdringende
Technologien lebten, liebten, kommunizierten und sich auf dem neuesten
Stand hielten.

Manchmal fühlen wir uns in der U-Bahn als Eindringlinge, als eines
der wenigen, nicht in  seinen kleinen Bildschirm und Kopfhöhrer vertief-
ten, die Leute um sich herum nicht wahrnehmenden Individuen. Indem
wir uns so in uns selbst zurückziehen, bemerken wir gar nicht, wie die
Gesellschaft durch diese Technologien verändert wird. (...)
Und wenn wir wieder lernen würden ohne diese Maschinen zu leben?
Was, wenn wir die virtuelle Leine durchschneiden würden, uns wieder
miteinander in Verbindung setzen und persönliche Komplizenschaften
weben würden, um die durch Vereinzelung geschaffene Leere zu
füllen? Wir könnten uns wieder mit der Zeit, dem Raum und untereinan-
der verbinden, mit allem, was die kalte Interaktion durch Maschinen in
den Hintergrund gedrängt hat.

Was, wenn wir offene Blasphemie gegen die Religion der Konnektivi-
tät betreiben? Was wenn wir diesen viel gepriesenen, aber mehr wie ein
Sciencefiction-Alptraum scheinenden technologischen Himmel stürmen?

Was wenn wir die Maschinen zerstören?"

Lesestoff!
Die subversive Page. - Für subversive Menschen.
https://anarchypeaceangel.jimdo.com/